BLACK TRASH PRODUCTIONS
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__ S A M E T I M E S A M E P L A C E
Ein Underdogma-Video von Christian Ebert und Michael Weber
Mit: Kamera, Regie,
Michael Weber Schnitt:
Sabine BöingChristian Ebert
Musik: Big Balls And The Great White Idiot [ -->BALLS ]
New York 2001
34 Minuten [ -->STREAM ]
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Michael Weber: [ -->PDF (~500K) ]
___ANOTHER TIME -- ANOTHER PLACE
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Michael Weber liest
Another Time -- Another Place
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1 Es war kurz vor dem Krieg, als sich meine Gedanken wieder mal in
der ewig gleichen, mir schon bis zum Überdruss bekannten
Bewusstseins-Sackgasse festgefahren hatten. So ein ermüdetes Denken
oder besser ein Denken aus Erschöpfung, natürlich genauso
erstaunlich dumm wie erstaunlich lebhaft und widerstandsfähig.
Langsam waren sie eingeschwenkt, die Gedanken, in Richtung: FEHLER,
also "Dies und das falsch gemacht", "Das und jenes verpasst", um
dann zunehmend Gas zu geben -- trotz aller Hinweisschilder links
und rechts der Denkautobahn, der riesigen Tafeln mit den
Aufschriften: "Hier auf keinen Fall weiterdenken!" oder "Das führt
zu nichts! Sofort abbiegen!", hatten dann -- Bleifuß! -- mit
eiserner Konsequenz einen furiosen Endspurt hingelegt und sich
schließlich nach einer Vollbremsung -- Kolbenfresser -- festgesetzt
und verbarrikadiert mit dem unbeirrbaren Wissen: Mein ganzes Leben
ist ein einziger Fehler. Das war das.
Die Rettung aus diesem Dumm-Denken der ewigen Selbstbezichtigungen
war dann Peters Anruf, in dem er mir sein Apartment in Brooklyn für
zwei Wochen anbot, sozusagen Wechsel des geistigen Klimas. Peter
hatte ich vor einigen Jahren in Bochum kennengelernt -- ein
schwarzer Tänzer, ein schöner Mann und ein schöner Mensch --, und
diese Geste der Gastfreundschaft und der praktischen Hilfe war
genau ein Ausdruck dessen, was ich meine, wenn ich "schöner Mensch"
denke. Geistige Pannenhilfe, um im Bild zu bleiben, und zwar ohne
dass man Mitglied sein, gewesen sein oder sofort werden muss. Sehr,
sehr angenehm.
2 Habe mich dann auch sofort selbst überrascht, indem ich
übergangslos bester Dinge war, ankommend am Flughafen JFK -- schon
wieder verdächtig --, und musste anschließend herzlich lachen über
die Erbärmlichkeit meines eigenen Elends. Dann der Gedanke: Nicht
mal im Leiden erreiche ich eine heroische Größe, bleibt alles eher
lächerlich. Schon wieder Zweifel, und nach zu vielen Zigaretten
gleich am ersten Tag und einigen Dosen Bier der Verdacht: Rauchen
gefährdet Ihre Gesundheit -- jaja. Das ist wahrscheinlich das Maß
an Selbstgefährdung, zu dem ich gerade mal so noch in der Lage bin.
Nun war ich also weg, also raus, also hier -- was jetzt?
3 Peter hatte mich noch bei der kurzen Schlüsselübergabe am Flughafen,
er vor seinem Abflug, ich nach meiner Ankunft, auf das Päckchen
hingewiesen, das er auf dem Tisch habe liegen lassen. Sein Vater
würde mich anrufen deswegen; ich solle es ihm zukommen lassen, wenn
ich Zeit dafür fände, es sei zwar nicht für ihn, aber sein Vater
würde es weiterleiten; das wäre eine gute Gelegenheit für den
Alten, mal den Arsch aus der Wohnung zu bewegen. Oder eine Freundin
würde sich selbst drum kümmern. Das wiederum wäre gut für mich,
denn ich würde in dem Fall die schönste Frau New Yorks kennenlernen
-- vielleicht die Frau meines Lebens. Im Übrigen sei das alles aber
auch vollkommen unwichtig, ich könne das Ding auch einfach in den
Müll werfen.
Ich habe das Ganze ehrlich gesagt nicht so recht verstanden. Ich
hatte den Eindruck, er wolle mich aus Höflichkeit beschäftigen in
NY, mich unter die Leute bringen, meet people, get in touch with
usw. Ich war gerührt und auch verwirrt, denn ich kannte seinen
Vater und dessen heilloses Phlegma genauso wie seine chaotische
Unzuverlässigkeit, und die Frau meines Lebens hatte ich längst
schon kennengelernt -- und Peter wusste das, vermutlich sogar
länger und sicherer als ich, denn er hatte in Bochum die erste Zeit
sehr daran gelitten.
4 Es ging mir außerdem gar nicht um Gesellschaft, sondern im
Gegenteil -- ich freute mich darauf, in sozusagen abgesicherter
Anonymität mich treiben lassen zu können. Ich liebe es zu Zeiten,
alleine sein zu können, ohne einsam sein zu müssen, und meine
Bewegung zwischen möglichst vielen anderen, die sich auf andere Art
anderswohin bewegen, ist mir eine unermessliche Erleichterung.
U-Bahn-Fahrten in großen Städten bieten in hohem Maße das, was ich
an dem Wunsch "Eines zu sein mit allem, was lebt!" immer sofort
verstanden habe. Klingt so schwierig, wie es einfach ist. Und in
dieser Hinsicht kam mir Peters Päckchen-Auftrag auch wieder sehr
gelegen. Ich hätte mir nur gewünscht, mich noch unbestimmter
bewegen zu können. Aber ich wußte natürlich da auch noch nicht,
dass diese Päckchen-Geschichte kein sogenanntes vernünftiges Ende
haben würde, sondern auf angenehme Weise zunehmend zielloser wurde.
Im Übrigen -- vielleicht hatte Peter auch das beabsichtigt. Kann
sein -- ich muss ihn mal danach fragen, wenn ich ihn das nächste
Mal sehe. Wenn ich ihn sehe, denn er hatte mir auf dem Flughafen
auch gesagt, dass es ihm "den Umständen entsprechend" sehr gut
gehe, er aber damit rechne, dass die Vorstellungen in Vancouver
seine letzten sein würden.
5 Peters Vater, James Wasp, hatte ich vor fünf Jahren kennengelernt,
als er Peter in Bochum besuchte -- allein, die Mutter hatte sich in
ihrer New Yorker Wohnung verbarrikadiert und traute sich gar nicht
mehr raus. Eine Woche konnte er bleiben, für eine Woche reichten
die Vorräte im Kühlschrank in Brooklyn. Ein milder, freundlicher
alter schwarzer Herr, leichter Silberblick, mit dem klassischen
Opernsänger-Ausdruck im Gesicht, so ein künstliches Lächeln mit
zurückgezogenem Kinn -- und einer sozusagen wattierten Stimme.
Tenor, glaube ich. Er nutzte die Gelegenheit zu feiern, ab fünf war
er duhn, ab sieben abends löste sich seine gesamte Kontur zusehends
auf, der immer korrekte Anzug verzog sich, er sprach langsamer und
leiser, das Halstuch -- sowas heißt, glaube ich, Plastron -- nahm
die Flüssigkeiten aus Nase, Mund und Augen auf, die Brille saß
schief. Aber das Lächeln und die Stimme blieben sehr milde.
"I know Wagner -- oh yes"
dann sang er -- ich kenn mich da nicht aus,
"and Schubert -- I love Schubert songs -- die Mullerin"
er sang wieder.
"They never would let me sing the big parts, you know. Because I'm
black. After Juilliard School -- We fought the Germans, you know. I
was in North Africa. And Brahms. The Death und die Mädschen. I used
to sing in smaller opera companies, smaller shows. I performed with
--" Namen vergessen, auch nie gehört.
Er zeigte zwei Fotos, in einer gewellten Plastikhülle in seinem
Portemonnaie -- er Arm in Arm mit mir unbekannten Stars.
"Because we were black. It's getting better now, see: Jesse Owens
was the beginning. He was the fastest, the stop-watch told the
truth, nobody could say, he's not. But with singing it's different,
you know, it's a kind of Mafia." --
"But I try to keep my voice fresh, you know."
Und stand noch stolz und gesammelt auf, ging langsam in Richtung
Ausgang oder Männerklo und brach auf halbem Weg zusammen, meistens
gegen neun, halb zehn -- aber auch das eher milde als dramatisch,
sehr mühelos. Peter und ich brachten ihn dann in Peters Wohnung.
Einen Tag war er verloren gegangen, wirklich wohl "verloren"
gegangen, wir fanden ihn auf einer Wiese an der Ruhr, wo er stand
und sang:
"Ol man river, that Ol man river"
und, als er uns erkannt hatte:
"Jauchzet, frohlocket, auf preise-het de-hen König!"
"You know the Christmas Oratory? Oh -- Back! I love Back! even more
than Cole Porter!"
6 "Oh Mädchen, stille zu stehn ist schlimmer denn alles" aus Hyperion
hat mir immer eingeleuchtet -- könnte natürlich auch eine Parole
der deutschen Wirtschaftsverbände und Handelskammern sein oder der
Fünfjahrespläne der SU, so eine panzerartige Aufbau- und
Fortschrittsbegeisterung -- übrigens: Bund der Steuerzahler -- was
ist das überhaupt für ein Wahnsinn? Andererseits -- für mich hat es
immer gestimmt. Oder "Flüchten oder Standhalten"; war so ein
angeblich wichtiges Buch meiner Jugend, nicht für mich, aber für
die Generation davor, die Therapeuten- und Therapierten-Generation,
so zehn bis zwanzig Jahre weiter. Habs dann auch nie gelesen, den
Titel aber schon damals nicht verstanden. Das ist doch keine
Alternative, es geht doch überhaupt nur Standhalten durch Flucht,
oder so: Flüchten, um standzuhalten. Diese Denunziation, sich den
Unerträglichkeiten wenn möglich zu entziehen, ist auch so ein
verblödetes inneres Preußentum, die zur Lebenshaltung gewordene
Unflexibilität. Naja -- Flexibilität, auch sehr zweifelhaft:
flexibel sein am Arbeitsplatz, zu allem ja sagen und nur nicht
mucken, das kann es natürlich gar nicht sein.
Andersrum muss man denken -- und leben: permanent die Lücke suchen,
ganz da sein -- und gleichzeitig noch ganz woanders. Hyperion eben.
Obwohl ein Brei natürlich erst gar keine Lücke lässt, der pampt
alles zu, der schließt sich sofort wieder -- glatte Oberfläche --
sehr gefragt! Das hier, NY, ist schon mal eine Lücke, natürlich nur
ein Ausflug, natürlich bin ich in ein paar Tagen wieder zurück,
aber zum Glück dann hoffentlich auch nicht wirklich zurück oder
zumindest anders. Hier wirds wirr.
Innehalten -- innehalten ja, klar -- aber stillestehen -- stimmt
schon -- immer noch.
7 Einer meiner Lieblingswitze:
Ein Mann kommt in eine Bäckerei, sagt: "Ich hätte gern ein Radio."
Der Bäcker nickt, holt eine Flinte, schießt in den Kühlschrank und
sagt: "So, jetzt ist der Fernseher auch kaputt."
Den hat mir früher immer Onkel Hermann erzählt, immer wieder, bei
jedem Besuch auf dem Land, seinen Liegenschaften, wie er das
nannte. Und sein Dackel Max, vor dem ich immer Schiss hatte, strich
mir um die Beine. Max war der klägliche Rest einer angeblich
legendären Dackelzucht -- Jagddackel --, die Onkel Hermann vor
meiner Zeit semiprofessionell betrieben hatte. Er sagte allerdings:
Teckelzucht, und ich stellte mir dann immer eine Mischung aus
Hunden und Topfdeckeln vor, und das scharfe T, das Onkel Hermann
auch besonders scharf und feucht aussprach, klang unangenehm
bissig und zuschnappend. So eine Rotte kläffender, blutrünstiger
Kleintiere in Maschendrahtverschlägen.
Ist schon tot, der Onkel Hermann aus Itzehoe, wäre wahrscheinlich
jetzt so alt wie Peters Vater -- auch Kriegsteilnehmer natürlich,
vermutlich Führer einer düsteren deutschen Hundestaffel. Und immer
lustig. Hat fast immer gelacht, vor und nach jedem Satz, hat mich
damals schon gewundert.
8 Unvorstellbar jetzt gerade hier, in New York, das Leben in Itzehoe
-- Planeten entfernt. Hat mich Zeit und Kraft gekostet, aus Itzehoe
wegzukommen -- in jedem Sinn. Peter hat in Bochum damals dasselbe
beschrieben. Spätestens ab vierzehn, fünfzehn das sichere Gefühl:
Raus hier, weg hier, sobald wie möglich. Get out of this Brooklyn
neighbourhood! Und natürlich als Kind auch Asthmatiker. Sobald wir
raus waren, konnten wir atmen. Andererseits -- was er an seinem
Vater gehasst hat, schätze ich -- die souveräne Unzurechnungs-
fähigkeit und das milde lächelnde Chaos. Von Itzehoe aus gesehen
ist das schon sehr gut. Also wohl doch nicht alles falsch gemacht.
Naja, da fangen dann allerdings die Schwierigkeiten an. Was sind
eigentlich meine Maßstäbe von falsch und richtig? Bin ich auch
ferngesteuert oder nicht? Oder merk ich jedenfalls noch, wann ich
ferngesteuert bin? Und diese vollkommen wirre Aktion mit dem rosa
Päckchen hier -- wofür soll das denn gut gewesen sein? Hat mir
natürlich einen angenehmen Tag eingebracht. Aber ist doch
absurd. Und was ist eigentlich in dem Ding drin? Und wer hat das
eigentlich -- AH! Schluss! Ende! Schluss jetzt -- sofort aufhören!
9 Let's call it a day!
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